Zu Besuch bei den alten Grabsteinen von Amrum

 

„Hier liegt der große Kriegesheld. Ruht sanft auf Amroms Christenfeld“            (Inschrift eines Grabsteins auf Amrum)

 

Der Kniepsand ist eine amphibische Zwischenwelt, ein Ort des Übergangs. Nicht mehr Land, noch nicht Meer. Zwischen dieser Welt aus Sand, die in langsam, stetem Wandel ist, und der Insel liegt ein mächtiger Dünenzug, der Amrum bei Sturmflut schützt. Auf dem Sand aber und dem nahen Meer führen bei Sturm und Hochwasser Wind und Wellen Regie auf weiter, wilder Bühne. Nun ist diese Naturgewalt vorüber. Hier und heute zu wandern, ist auch ein Gefühl sonderbarer Losgelöstheit. Ein leiser, letzter Wind wispert noch zwischen den Dünen, streicht über die stillen, verbliebenen Seen. So, als wäre nichts. Ruhe kehrt ein in diesen seltsam leeren Raum. Die Spuren verlieren sich in der Einsamkeit. Trüb und ohne Trost? Eher ist es eine umarmende Stille.

 

Herbststürme jagten über die karge Insel und kündeten vom nahen Winter. Nicht geflüstert; gebrüllt. Die See war ungestüm und nun verliert sie sich in Gleichmut bis zum Horizont. Endlos und unergründlich. Und etwas von dem, was die See nimmt, gibt sie an solchen Tagen wieder her. Manches Gut wird auf den Strand geworfen. Und nicht nur das: Früher fanden die Leute von Amrum auch manch unglückliche Seele - und trugen den Toten auf den Friedhof der Namenlosen.

 

Der Weg zum Friedhof, zurück auf die Insel, führt durch den Dünenriegel. Auch hier eine beinahe feierliche Stille, auch dies sind im November Wege in die Einsamkeit. Kurz vor dem Ort Nebel stehen einfache Holzkreuze, unter denen die ruhen, die in der Nordsee einen nassen, namenlosen Tod fanden. Ganz früher wurden unbekannte, angespülte Leichen irgendwo zwischen den Dünen oder an einer abgelegenen Ecke auf dem Kirchhof begraben. „Die Anlage einer eigenen Ruhestätte zeugt auch von Respekt der Insulaner gegenüber den Namenlosen. Auf dieser Insel ging keiner ohne Segen“, sagt Pastor Georg Hildebrandt. Bestattet wurde hier von 1906 bis 1969. Heute können Strandleichen genetisch identifiziert werden.   

 

Und getroffen hat es die Amrumer oft genug auch selbst. Die Insel war arm. Wer sein Glück finden – und Geld verdienen wollte - fuhr zur See. Kapitäne und Mannschaften von den Inseln und Halligen Nordfrieslands waren begehrtes Personal in den Flotten Europas. Die Männer gingen Saison um Saison fort, fuhren bis in die Arktis und ins ferne Asien. Sie wurden Ostindienfahrer oder Kommandeure von Walfangflotten. Manche wurden wohlhabend und kehrten heim, andere erfroren, ertranken oder starben an tropischem Fieber. Die Amrumer wussten, dass Seefahrt auch Lebensgefahr bedeutet. Wer Rang und Namen hatte, Glück im Leben und genug Geld, der bekam auf der Insel ein ehrendes Andenken – und einen besonderen Grabstein:

 

Der Friedhof, der alte „reguläre“, von Nebel neben der St. Clemens Kirche ist einer der außergewöhnlichsten Deutschlands – hier stehen 170 historische Grabsteine, die Geschichten erzählen. Lebensgeschichten. Und die spannendste, unglaublichste und verrückteste dieses steinernen Geschichtsbuches von St. Clemens ist diese hier, die von Hark Olufs:

 

Geboren wurde Hark Olufs im Sommer 1708 in Süddorf, sein Geburtshaus steht noch heute. 1721 wurde er Matrose auf einem der Schiffe seines Vaters, es trug den Namen „Hoffnung“ – und diese gab Olufs wohl nie auf. Zwischen Hamburg nach Nantes wurde er drei Jahre später im Ärmelkanal von Seeräubern gefangen genommen und mitsamt Schiff und Mannschaft nach Algier verschleppt. Die Familie konnte die von den Sklavenhändlern geforderte Summe zum Freikauf nicht aufbringen, auch die dänische Sklavenkasse lehnte Unterstützung ab, da die „Hoffnung“ unter Hamburger und nicht unter Dänischer Flagge fuhr, so musste ein Kredit aufgenommen werden. Der Freikauf blieb erfolglos, da versehentlich an Stelle von Hark Olufs ein Bremer Seemann mit ähnlichem Name freigelassen wurde.

 

Hark Olufs wurde auf dem Markt von Algier verkauft und landete beim Bey von Constantine, dem Statthalter dieser damaligen osmanischen Provinz. Dort bewährte sich der junge Mann und stieg über den Posten eines Schatzmeisters gar zum Oberbefehlshaber einer Militäreinheit auf. Olufs fügte sich und konvertierte sogar zum Islam, was ihm diese Karriere sicher erst ermöglicht hat. 1735 wurde Hark Olufs von seinem Bey, wohl auch als Dank für seine militärischen Verdienste, freigelassen und kehrte ein Jahr später nach Amrum zurück. Dort begegnete ihm, dem Wohlhabenden und Muslim, nicht nur Freude, sondern auch Misstrauen. Erst nach Rekonvertierung zum Christentum, Konfirmation und Heirat kehrte er endgültig in die Gemeinschaft der Insulaner zurück. Olufs starb im Alter von nur 46 Jahren dort, wo er geboren wurde – auf Amrum.

 

Wer sich, wie die Kapitäne und deren Familien, diese Grabsteine (bis zwei Meter hoch und oft eine Tonne schwer) leisten konnte, hatte etwas aus seinem Leben zu berichten. Und war wohlhabend, denn: „Das Material wurde aus dem Weserbergland herbeigeschafft und die bildlichen Darstellungen sind manchmal derart aufwendig und detailreich, dass die Anfertigung ein Vermögen gekostet haben muss“, so Inselpastor Georg Hildebrandt. Angefertigt wurden diese zumeist zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Wind und Wetter haben ihnen allerdings zugesetzt, Algen und Moos daran genagt. Es war nötig, sie zu restaurieren.

 

Ab dem Jahr 2009 wurden die Steine unter Leitung der Amrumerin Christa Langenhan restauriert, maßgeblich an dem Projekt mitgewirkt haben auch die damalige Pastorin Friederike Heinecke sowie Frank Hansen und Kurt Tönissen.  „Einige Grabsteine standen jahrzehntelang einfach an die Friedhofsmauer gelehnt, andere waren gar zerbrochen.  Nun ist der größte Teil aufgefrischt und steht nach Familien sortiert wie eine Allee auf dem Kirchhof von St. Clemens in Nebel. Wer den Friedhof betritt, findet sie auf der linken Seite“, erklärt Georg Hildebrandt. Obwohl die sprechenden Steine jetzt viel geordneter aufgestellt sind, ist es immer noch ein wundersames Sich-Verlieren in dieser einzigartigen Geschichte. Man kann hier viel Zeit verbringen, und sich die Geschichten auf den restaurierten Steinen anschauen und sie auch viel besser lesen: „Die Inschriften sind nach der Restaurierung wesentlich plastischer – und manche Grabsteine sind mit einem QR-Code versehen, sodass Sie den Text über Ihr Mobiltelefon lesen können“, sagt Georg Hildebrandt.

 

Auch Hark Olufs Stein steht hier. Mit eingemeißelter Krone und Schwert, mit Köcher, Pfeil und Bogen, mit Trompeten. Der eingangs erwähnte Spruch steht am oberen Rand und auf dem Stein sein ganzer Lebenslauf: „(…) bald darauf in sein jungen Jahren von den türkischen Seeräubern zu Algier ist er anno 1724 (…) gefangen genommen worden. In solcher Gefangenschaft aber hat er dem türkischen Bey zu Constantine (…) elf und ein viertel Jahr gedient. Bis ihm endlich dieser Bey anno 1735, den 31. Oktober, aus Gewogenheit zu ihm seine Freiheit geschenket, da er denn das folgende Jahr darauf anno 1736, den 25. April glücklich wieder (…) auf seinem Vaterland angelanget ist. Und sich also anno 1737 in den Stande der heiligen Ehe begeben mit Antje Harken.(…) An den Meinigen ruft ich aus dem Grabe noch diese Zeilen zum Andenken zurück: Ach leider: in meinen jungen Jahren müsst ich zum Raub der Algerier fahren. Und halten fast zwölf Jahr die Slaverey doch machte Gott durch seine Hand mich frey.“

 

Ganz zu Ende ist diese Geschichte noch nicht: Hat Olufs, arm war er offenbar nicht und in einer osmanischen Generalsuniform tauchte er auf, mehr als nur Erzählungen mitgebracht? Einer Sage nach, und die hält sich noch heute, soll sich sein Geist jede Nacht zwischen dem Friedhof in Nebel und seinem Haus in Süddorf herumtreiben. Ein mutiger Mann schließlich fragte den Geist, warum er umherirre. Er habe seinen Hinterbliebenen nicht verraten, wo er seine Schätze versteckt habe und bat den Mann, seinen Kindern mitzuteilen, dass die Schätze unter der Schwelle der Hauseingangstür versteckt seien – und tatsächlich sollen dort Münzen gefunden worden sein. Und der rastlose Olufs hatte endlich seine Ruhe. Wieder wispert der Wind und die Silhouetten der Bäume spuken im Zwielicht. Olufs verschwand, tauchte wieder auf und ist endgültig gegangen. Seine Geschichte aber, die ist an diesen trüben Tagen seltsam lebendig. Auf einer Insel voller Mystik und Magie.

 

Weitere Informationen:

Die „Abenteuer eines Amrumer Seemanns in Nordafrika“ (also die von Hark Olufs) erzählt eine Dauerausstellung im Naturzentrum in Norddorf. Von November bis März ist sie geöffnet am Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von jeweils 12 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei, es wird um eine Spende gebeten.

 

www.naturzentrum-amrum.de

www.amrum.de

www.nordseetourismus.de

 

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Pressebild zum Text - Copyright Kai Quedens

 

Das muss ich meinen Freunden zeigen …

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