Seesterne, Schwertmuscheln, Krebse und mehr liegen angespült am Strand, © R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer

Entdeckungen im Flutsaum

Winterzeit ist Sturmzeit und wildes Wetter wühlt die Nordsee manchmal bis in die Tiefe auf. Normale Wellen bewegen die Oberfläche. Damit es auch unten in Bewegung kommt, muss es kräftig stürmen. Das macht´s turbulent auch für die krassen Kreaturen. Dann tauchen diejenigen auf, die man sonst nicht sieht. Maskenkrebs oder Schlangenstern, Blumentier oder Urzeitfisch - es ist kaum zu glauben, was für Kuriositäten in der Nordsee leben.

Nach anhaltenden Stürmen bietet sich daher an den Stränden der Nordsee, wie zum Beispiel auf Sylt, Amrum oder vor St. Peter-Ording, ein buntes und manchmal bizarres Bild: Muscheln teilweise in großen Mengen, sowie auch Krebse und Seesterne. „Mancherorts kommt es sogar zu Massenstrandungen von Seesternen, Herz-Seeigeln oder Schwertmuscheln“, berichtet Rainer Borcherding, er ist Biologe und arbeitet bei der Schutzstation Wattenmeer in Husum. „Diese massenhaften Anspülungen zeigen, dass die Sturmwellen den Meeresboden regelrecht leerfegen. Der starke Seegang wirbelt den lockeren Sandboden auf und rollt die ausgegrabenen Bodentiere so lange hin und her, bis sie entkräftet oder tot zu tausenden am Strand landen.“

Ein Maskenkrebs (mit Phantasie erkennt man auf dem Rückenschild ein Gesicht wie bei einer chinesischen Maske) angespült am Strand, © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer
Ein gestrandeter Schlangenstern auf der Suche nach dem Meer, © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer
Seesterne, Schwertmuscheln, Krebse und mehr liegen angespült am Strand, © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer

Ob solche Strandungen möglicherweise eine längerfristige Folge für die Tierwelt der Nordsee haben könnten, müsse sich zeigen – „…denn wissenschaftlich erforscht sind solche Massenstrandungen in Folge von Stürmen bisher kaum“, sagt Borcherding. Was solch ein Sturm aber auch tut, ist den Blick zu schärfen, das Bewusstsein – man sieht und begreift, welche Artenvielfalt die Nordsee hat. Miesmuscheln und Austernschalen, ein Haufen Tang sind üblicher Anspül, den man kennt. Dass hier verschiedene Vögel leben und der Seehund auch, weiß man. Aber sonst? Im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer leben mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten und ein paar davon liegen am Strand, wenn der Sturm fortgezogen ist.

 

Herz-Seeigel liegen angespült im Flutsaum. Sie leben eigentlich vergraben in Sandboden und sind nur in einen Hauch von Schale mit zarten „3-Tage-Bart“-Stacheln gehüllt., © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer
Ein Kammstern ist durch den Sturm an den Strand gespült worden., © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer
Die Laichballen der Wellhornschnecke liegen am Futsaum, getrockenet rollen sie getrieben durch den Wind über den Strand. , © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer

Auf Sylt zum Beispiel wurden schon Mondfische, ein Blauhai, Leuchtheringe aus der Tiefsee gefunden, auch ein Thunfisch trieb schon an. Es ist durchaus üblich, dass Lebewesen aus wärmeren Gefilden in die Nordsee gelangen - sei es durch Strömungen, sei es durch Wanderungen – und dort durchaus zumindest einen Sommer überleben. „Fällt die Wassertemperatur allerdings unter fünf Grad, sterben solche verirrten Tiere meist und werden irgendwann an den Strand gespült.“, erklärt der Biologe Rainer Borcherding. Es müssen aber nicht Exoten sein, die man Winters zu sehen bekommt, in der Nordsee leben allerhand wundersame Wesen im Verborgenen. Man muss am Strand nur einmal genau hinsehen.

„Anhaltende Sturmwetterlagen sorgen immer wieder für manche Überraschung am Spülsaum!“, sagt Borcherding. Im Winter und nach Sturm melden Strandspaziergänger mit der App BeachExplorer zum Beispiel Maskenkrebse, die nur in der kalten Jahreszeit überhaupt in Küstennähe auftauchen, oder Kammsterne, die in für normale Wellen unerreichbaren Tiefen der Nordsee leben. So etwas bekommen sonst nur Taucher zu Gesicht. Zirrenkraken tauchen auf und Seemannshände, die heißen auch Tote-Mann-Hand und sind eine Korallenart. Häufig im Winter hingegen sind leere Gehäuse von Herz-Seeigeln, die orangefarbenen Laichballen der Wellhornschnecke. Oder die aus tausenden winzigen Teilen eines Nesseltieres zusammengesetzten sogenannten „Seebälle“ – ausgetrocknet sind sie so leicht, dass sie vom Wind über die Sandbänke gerollt werden. „Und in ruhigen Bereichen liegen manchmal ganze Flächen von zerriebenen Holzstückchen und Jahrhunderte altem Torf – mit etwas Glück kann man dort auch ein kleines Stückchen Bernstein finden“, sagt Rainer Borcherding.

Nach einem Sturm bleiben Muscheln und allerlei kurioses Getier am Strand liegen., © Wolfgang Diederich/www.meerfoto.deGalerie öffnen© Wolfgang Diederich/www.meerfoto.de
Ein Schlangenstern in Gesellschaft zweier Herzmuscheln hat in einer Pfütze die Anspülung überlebt, © Tanja WeinekötterGalerie öffnen© Tanja Weinekötter
Bei einer sogenannten Massenstrandung bleiben oft Hunderte Schwertmuscheln am Strand liegen., © Tanja WeinekötterGalerie öffnen© Tanja Weinekötter
Nach einem Sturm säumen häuifig Hunderte Muscheln den Strand., © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer

Sein Glück, und das seiner Kollegen aus der Wissenschaft, ist indes jeder Fund, der über den BeachExplorer bestimmt und gemeldet wird: Diese Meldungen fließen in Datenbanken ein und erlauben Forschern, ein immer detaillierteres Bild von der Lebenswelt der Nordsee zu gewinnen. „Ob es tatsächlich eine Zunahme an seltenen Arten wie zum Beispiel dem Seepferdchen gibt, die in den Jahren 2019/20 häufiger gelmeldet wurden, ist allein durch solche Meldungen nicht zu verifizieren. Aber wir gewinnen eine viel bessere Datenlage als früher und können so immer besser den Zustand der Flora und Fauna in der Nordsee abbilden“, berichtet der Biologe Borcherding, „… und die Strandspaziergänger sind für Umweltbelange im Großen und die schützenswerte Schönheit im Detail sensibilisiert.“

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