Wattwanderung mit Adventsandacht auf Hallig Oland, © Ann-Kathrin Meyerhof© Ann-Kathrin Meyerhof

Das hat die Welt noch nicht gesehen

08.12.2016 - Malte Keller

Malte Keller, © Photo Porst

Unterwegs zur Adventsandacht auf Hallig Oland

Einsam und verlassen liegt sie da, aber in der Ferne auch mit bloßem Auge gut erkennbar. Die Hallig Oland, eine Warft mit 17 Häusern, einem kleinen Landfleck mitten im UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer. Gemeinsam mit Wattführerin Regina Matthiesen warte ich mit knapp einem Duzend weiterer Wattwanderer morgens um 10.30 Uhr am Dagebüller Strand auf das gemeinsame Zeichen zum Aufbruch.

Kühl ist es an diesem Tag mit rund 4° C, aber dafür trocken und klar und nicht so nebelig wie die Tage davor. Wie so häufig hat eine leichter Westwind für die Erhellung gesorgt. Zwar habe ich schon viele Wattwanderungen unternommen, allerdings noch nicht in Gummistiefeln im Winter. ‚Halten die Gummistiefel? Oder sollten sie wie Winterreifen behandelt werden? Die werden ja auch nicht jahrelang gefahren…‘ denke ich mir noch, da geht es los. Bisschen bange ist mir schon.  Auf geht’s. 6 km ist die Wanderstrecke nur lang, aber dafür bei Kälte und Wind doch irgendwie spannend- oder eben einfach neu für mich –gerade weil nicht barfuß gelaufen wird.

„Ich erkläre jetzt erst einmal nicht so viel, wir laufen lieber, damit uns warm wird“, ruft Regina Matthiesen und schreitet stilecht – wie die meisten Wattführer-  mit Spaten voran.

Das Ziel unserer Wanderung - die Hallig Oland, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
Die Gruppe am Dagebüller Deich vor dem Einstieg ins Watt, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
Auf geht's für die Wattwanderer in Richtung Oland, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller

Nach den ersten Schritten wird deutlich - es ist alles halb so wild. Petrus hat es gut mit uns gemeint, kaum Wind, festes Watt - und für mich das wichtigste - die Gummistiefel fühlen sich auch innen trocken an. Die Wolkendecke reißt auf, schnellen Schrittes geht es direkt zur Hallig Oland.

Ein erster Priel wird durchgequert. „Dieser Priel ist völlig unproblematisch“ ruft Regina Matthiesen von der anderen Seite. Tatsächlich war sie bereits gestern einmal zum Priel geeilt, um festzustellen wieviel Wasser dieser führt und wo eine geeignet Stelle zum Überqueren ist. Genau das zeichnet gute Wattführer aus, sie beobachten ständig die Veränderungen im Watt und suchen entsprechende Stellen mit überwiegend festem Watt für ihre Wanderungen.

Wir wandern weiter. Ich blicke mich um, einige Teilnehmer schreiten für sich, andere sind im Gespräch mit ihren Begleitern und Mitstreitern. Ich mag lieber für mich laufen, etwas gedankenverloren - immerhin geht es zur Adventsandacht und diese Wanderung hat ja doch eher ein besinnliches Ziel. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsste mich auf der Wanderung entsprechend einstellen - ‚das ist ja fast wie auf dem Jakobsweg‘ denke ich als aus Ferne ein Dröhnen ertönt.

„Kannst Du auch die Lore erkennen, die über den Damm rollt?“, holt mich eine Begleiterin aus meiner spirituellen Einstimmung. Ich kneife die Augen zusammen und erspähe in der Tat in der Ferne eine Lore, die über den rund 9 km langen Damm von Dagebüll über Hallig Oland zur Hallig Langeneß tuckert.

Der Lorendamm, auf den die Loren fahren, verbindet die Halligen mit dem Festland, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
In der Ferne ist die Fuchssperre zu erkennen, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller

Die kleinen motorbetriebenen Flachwagen werden von Einwohnern genutzt, um Waren vom Festland auf die Hallig zu befördern. Seit 1927 ist die Lorenbahn in Betrieb, anfangs wurden die Loren mit Segeln und Windkraft vorangetrieben. Ab Mitte der 60iger Jahre nutze man dann Benzin- und Dieselmotoren. Nur Gäste, die auf Hallig Oland übernachten, dürfen dieses Transportmittel nutzen und werden von ihrem Gastgeber mit der Lore in Dagebüll abgeholt. Vorfahrt auf den eingleisigen Strecken haben aber immer die Loren des Landesamtes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN.SH), da es zwischen Oland und Dagebüll nur drei Ausweichstellen gibt.

„Vor einigen Jahren wurde der Damm zwischen Oland und Dagebüll erneuert, auch eine Fuchssperre wurde verbaut, da läuft dann der Damm auf Stelzen“ erklärt Regina Matthiesen. „Genützt hat es aber nichts, der Fuchs ist vor kurzem schon mal auf der Hallig gewesen“ schiebt sie nach. „Bitter für die Brut  der unzähligen Löffler“.

Die Gruppe schreitet zügig weiter. Gegen 13.00 Uhr soll der Adventsgottesdienst in der Olander Kirche stattfinden. Immer deutlicher zeichnen sich die Konturen der roten Backsteinhäuser auf der Hallig ab.

Zügig marschiert die Gruppe auf Hallig Oland zu, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller

 

„Ach komm‘ wir graben noch mal schnell nach einem Wattwurm aus, das gehört doch einfach dazu“ meint unsere Wattführerin, obwohl eigentlich alle Teilnehmer schon häufiger an Wattwanderungen teilgenommen haben und den Anblick kennen. Aber - wat mut dat mut! Und es ist gar nicht so einfach. Erst nach einigen Versuchen gelingt es, einen Seeringelwurm auszugraben und dann auch den gewünschten Wattwurm.

Nun aber weiter. Ein letzter Priel vor Oland will noch durchwatet werden. Die Gummistiefel halten, die Füße bleiben trocken. Ich bin begeistert! ‚Schön, dass man sich auch über die kleinen Dinge im Leben freuen kann‘, denke ich noch und da sind wir schon auf Hallig Oland. Kaum haben wir festen Grund unter den Füßen, ertönen auch schon die Glocken vom unweit gelegenen Glockenstuhl.

Wir eilen in Richtung Kirche und schaffen es rechtzeitig zur Andacht Platz zu nehmen. Freude strahlende Augen blicken uns entgegen. Ich merke, ein Gottesdienst auf der Hallig zu besuchen, ist doch irgendwie anders. Hier kennt jeder jeden und jede Geschichte über ihn. 

Ein Seeringelwurm im Watt, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
Die Wattführerin zeigt einen Wattwurm, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
Der Spaten bleibt vor der Tür - eindrucksvoll die Hochwassermarkierung der Flut von 1976, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller

‚Wann war ich eigentlich das letzte Mal mit Gummistiefeln in der Kirche‘ denke ich als die Gesänge des Langeneßer Singkreises erklingen, die für die 11 Wattwanderer und die kleine Kirchengemeinde an diesem Mittag für einen feierlichen Rahmen sorgen. Ich schätze einmal es sind rund 25 Personen, die sich an diesem Dezembertag zusammengefunden haben. Warm ist es, trocken, die Kerzen brennen. Ich ziehe die Jacke aus und lass mich fallen. Entspannung. Einkehr. Andacht.

Pastor Matthias Krämer leitet den Gottesdienst an diesem Tag auf Hallig Oland. Gleichzeitig betreut er auch die beiden Kirchen auf Hallig Gröde und Hallig Langeneß, so dass nicht jeden Sonntag in der gleichen Kirche Andachten gehalten werden.

Nach dem Gottesdienst meldet sich mein Magen. Gemeinsam mit den anderen Wattläufern geht es in das alte Pastorat, dem heutigen Gemeinderaum. Thermoskannen, Brote und andere Erfrischungen werden ausgepackt. Die Gruppe kommt zur Ruhe und wärmt sich auch innerlich auf. Ich blicke auf die alten schwarzweißen Fotos an den Wänden, stelle mir die Einsamkeit und die Entbehrungen im Leben der Halligbewohner vergangener Tage vor.

Man kann es nur erahnen - bequem war das Halligleben wohl nie, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller
Düster und verlassen wirken die Grabsteine auf dem kleinen Friedhof, © Malte KellerGalerie öffnen© Malte Keller

 

„Wollen wir uns noch ein bisschen die Hallig anschauen?“ fragt Regina Matthiesen in die Runde und drängt zum Aufbruch, da ein fester Abholtermin mit Heini von Holt, dem Kapitän der „Seeadler“ abgesprochen ist. Der Weg führt uns zum angrenzenden Friedhof der Hallig. Gespannt lauschen wir den Geschichten unserer Wattführerin und dem Wirken der Menschen auf der Hallig, vor deren Grabsteine wir an diesem Dezembertag stehen.

Weiter geht’s an den wenigen Häusern vorbei in Richtung Lorenbahn. Pastor Krämer – der kurz einige Sänger mit seiner Lore zurück nach Langeness gebracht hat und jetzt nach Oland zurückkehrt, kommt uns mit seiner Lore entgegen. Wir laufen derweil zu dem kleinen Hafen bzw. der Anlegestelle des Schiffes auf Oland.

Die Dämmerung zieht auf, wir klettern an Bord des Schiffes und sind froh, als die Seeadler nach einige Versuchen genügend  Wasser unter dem Kiel hat, drehen kann und uns dann zurück in den Hafen von Schlüttsiel bringt.

Pastor Krämer auf seiner Lore zwischen Oland und Langeneß, © Ann-Kathrin MeyerhofGalerie öffnen© Ann-Kathrin Meyerhof

Was für ein Tag! Abseits von Weihnachtsmärkten, überfüllten Innenstädten, Einkaufsstress und Multimedia-Einlullerei in den eigenen Wänden.

Einfach einmal zur Ruhe kommen - klar, dafür muss man nicht unbedingt auf eine Hallig reisen aber schöner ist das schon. Und worüber habe ich mich am meisten gefreut? Als im Autoradio auf dem Rückweg ertönte „das hat die Welt noch nicht gesehen“ und ich mich an die  besinnliche Stille in der kleinen Kirche auf Hallig Oland zurückerinnerte.

Die nächste Adventsandacht auf Hallig Oland mit Pastor Krämer findet am 09. Dezember 2017 statt.
Informationen und Anmeldung für ein gemeinsames Wattenlaufen zur Hallig über Regina Matthiesen http://wattwandererlebnis.de/.


Tipps für eine entspannte Winterwattwanderung zu einer Hallig:

  • Sich unbedingt einer geführten Gruppe anschließen - niemals auf eigene Faust laufen
  • „lange Elli“ anziehen - unbedingt lange Unterhose tragen, darf auch unsexy sein
  • Zwiebelprinzip - mehrere Schichten verschiedener Kleidungsstücke kombinieren - dann kann je nach Kälteempfinden das eine oder andere Textil wieder im Rucksack verschwinden
  • Gummistiefel-Inlays verwenden - die verhintert, dass die Socken rutschen
  • Winddichte Jacke mit guter Belüftung unter den Achseln
  • Ersatzwäsche (Hose, Unterhose, Socken), falls es regnet oder man im Priel ausrutscht
  • Leckere leichte Spezialitäten zur Motivation und zur eigenen Belohnung nach vollbrachtem Lauf
  • Thermoskanne mit heißem Inhalt
  • „Compeed Anti Blasen Stift“ – verhindert die Blasenbildung bei unbequemem Schuhwerk

Natur hautnah erleben

Wattwandern auf Pellworm, © Kur- und Tourismusservice Pellworm© Kur- und Tourismusservice PellwormZu den Naturevents

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Muscheln im Wattenmeer, © www.nordseetourismus.de© www.nordseetourismus.deErlebnis Wattenmeer

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