Der Amrumer Leuchtturm bei strahlendem blauen Himmel, © Carlos Arias Enciso© Carlos Arias Enciso

Zweimal große Liebe oder Wie Amrum in meine Geschichte kam

25.05.2018 - Patricia Koelle

Die Erfolgsautorin von "Wenn die Wellen leuchten" und "Wo die Dünen schimmern", © S.Fischer Verlage

Einigen wenigen Orten bleibt man ganz nahe, auch wenn man sie ein Vierteljahrhundert nicht gesehen hat. Sie sind ein Anker in der Lebenslandkarte. Eine Wurzel, die sich auf geheimnisvolle Weise tief und unverrückbar eingegraben hat, welche Stürme auch immer darüber hinwegtoben. Meine Begegnung mit Amrum hatte ich dem Umstand zu verdanken, dass mein Vater einst in Danzig mit einem Kameraden zur Schule ging, den die Liebe zu einer Amrumerin inzwischen auf die Insel verschlagen hatte. Ich war zwölf, als ich das erste Mal den Kniepsand sah. Das Alter, in dem das Leben beginnt, schwierig zu werden. Auf Amrum aber war es nicht schwierig. Auf Amrum war alles auf einmal so einfach wie noch nie. Freiheit pur. Luft zum Atmen. Keine Fragen, nur Meer, Sand und Himmel. Das Meer und ich gehörten schon immer zusammen. Man sagt mir, ich sei nicht davon abzuhalten gewesen hineinzukrabbeln, noch ehe ich laufen konnte.

Blick auf den Strand durch die Dünen von Amrum, © Foto Oliver FrankeGalerie öffnen© Foto Oliver Franke
Frau genießt den Sonnenaufgang auf einem Steg in Nebel auf Amrum mit Blick auf die Nordsee, © Foto Oliver FrankeGalerie öffnen© Foto Oliver Franke
Bohlenweg am Wriakhörnsee auf der Insel Amrum, © Foto Oliver FrankeGalerie öffnen© Foto Oliver Franke
Strandkörbe auf Amrum, © Carlos Arias Enciso/www.nordseetourismus.deGalerie öffnen© Carlos Arias Enciso/www.nordseetourismus.de

Wir waren mehrfach in Florida. Sanibel, Captiva, Trauminseln voller Palmen umgeben von warmem, türkisfarbenem Wasser wie aus einem tropischen Märchen. Auch Wangerooge lernte ich kennen und Föhr. Später Norderney, Sylt, die Strände Dänemarks. Es war schön, sehr schön, auch dort. Mein Meer. Strand. Doch keiner dieser anderen Orte beschenkte mich jemals mit dem einzigartigen Gefühl, das sich auf Amrum jedes Mal schon auf der Fähre einzustellen begann. Nirgends passte alles dermaßen zusammen, wie Amrum, ich und das Gefühl, dass nichts muss und alles geht, wie es in irgendeinem Lied heißt. Dass alles genau so ist, wie es sein soll, und dass es großartig und unfassbar ist und man das einfach annehmen und leben darf. Da wo der Wind einem den Boden um die Knöchel schlägt wie ein Sandstrahlgebläse, das Wasser auch im Sommer kalt ist, das Watt Schlickfallen stellt und bei Hitze nach faulen Eiern riecht, in genau diesen Ort habe ich mich unwiderruflich verliebt. Ich zog mir eine sandfarbene Hose und einen sandfarbenen Pullover an und stellte mir vor, ich wäre Teil der Landschaft und nur der Wind und die Kaninchen könnten mich finden.

Mit zwölf beginnt man, sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen und kann ihn nicht benennen. Auf Amrum aber war er greifbar. Er lag einfach da, zwischen Miesmuscheln und Meersalat. Da brauchte es gar keine Worte dafür. Dieser kleine Haufen Sand in meiner Nordsee, die so wunderbar nach Salz, Tang und Leben schmeckt, die einem Auftrieb gibt und die Füße wegzieht und Seegras in die Ohren schwemmt und auf der Haut so prickelt, dass man hinterher nicht duschen mag – dieser unbedeutende Haufen Sand erklärte mir die ganze Welt. Auf einmal wusste ich, wozu man in diese geworfen wird. Auf Amrum genügt es, zu sein. Eines von all den Lebewesen aller Größen, Auge in Auge und nicht wichtiger oder unwichtiger als Wattwürmer, Kleinkrebse, Plattmuscheln, Hornschnecken, Seeigel, Austernfischer.

Mit vierzehn war ich wieder dort. Spätestens in jenen Sommerferien war ich mir sicher, dass mich dieser Ort nie enttäuschen würde. Mit vierzehn ist alles noch schwieriger als mit zwölf, aber auf dem Kniepsand lösten sich alle Knoten. Wann auch immer ich in mir etwas ordnen musste, kehrte ich hierher zurück. Studienzeit – unvergessen die Nächte in einem kleinen Zelt unter dem Leuchtturm, nur die dünne Plane zwischen dem Sternenhimmel und mir, tiefer Schlaf inmitten von Meeresrauschen und verschlafenen Möwenrufen. Das melancholische „Ahuo“ der Eiderenten und das Abendlicht auf dem Wriakhörnsee hatten immer eine Antwort für mich. Auf alles.

Zelten auf Amrum (c) Foto Oliver Franke / www.nordseetourismus.de, © Foto Oliver FrankeGalerie öffnen© Foto Oliver Franke
Wattwurmspuren an der Nordsee, © www.nordseetourismus.de / Tanja WeinekötterGalerie öffnen© www.nordseetourismus.de / Tanja Weinekötter
die alten Grabsteine auf Amrum, © Kai QuedensGalerie öffnen© Kai Quedens

Als ich viel später das mir Liebste meiner Bücher schrieb, „Die eine, große Geschichte“, landete der Held am Ende seiner Reise unweigerlich auf Amrum, obwohl weder er noch ich das geplant hatten. Ebenso unweigerlich schien es mir danach, dass seine Geschichte hier nicht zu Ende war. Und dass ich meiner Insel nach all den Geschichten, die sie einst mir geschenkt hatte, eingemeißelt auf alten Grabsteinen, überliefert von jenen, die hier ihr Leben gelebt hatten, aufgeschrieben in den Büchern von Georg Quedens, oder selbst erlebt während stürmischer, glücklicher Tage, auch eine Geschichte zurückgeben wollte. Eine mit ein wenig Zauber darin. Und mit einem lebendigen Symbol für das, was alle Amrumliebhaber hier finden: schlichtes Glück.

So kam es zu der „Nordseetrilogie“, zu Band 1, „Wenn die Wellen leuchten“ und Band 2, „Wo die Dünen schimmern“. Ich schrieb diese Geschichte auch, weil mir das erlauben würde, in Gedanken viel Zeit auf Amrum zu verbringen, was im meinem Leben nicht mehr ging. Denn mir war eine andere, noch größere Liebe geschehen. Meinem Mann Peter aber raubte eine Muskelkrankheit die Bewegungsfähigkeit und den Atem. Er war von Maschinen abhängig und zweiundzwanzig Jahre lang von meiner Pflege rund um die Uhr. Eine Reise bis an die Nordsee war unmöglich. In all dieser Zeit blieb mir Amrum jedoch der Entfernung zum Trotz eine innere Heimat, die mir frischen Wind in die Seele schickte, wann immer ich an sie dachte. Ich befand mich nicht dort, aber sie befand sich in mir.

Meinen Mann habe ich in diesem Winter verloren und ich hoffe, dass er auch einen anderen, weiten Horizont gefunden hat, an dem er nun frei und leicht unterwegs ist. Ich aber werde wieder meinen Ort der Orte besuchen und dabei nie mehr vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, dies zu können. Ich werde meine sandfarbenen Shorts und meine sandfarbene Jacke anziehen und mich wieder wie ein Teil der Landschaft fühlen, und wie vierzehn und vierundfünfzig gleichzeitig. Bei aller Trauer um meinen Mann finde ich das Leben mit vierundfünfzig leichter als mit vierzehn, und in den Dünen kann ich der Erinnerung an mein vierzehnjähriges Ich erzählen, dass es ein gutes Leben ist, auch weil ich, wenn es schwierig wurde, immer an Amrum denken konnte und wie die Welt von dort aus erscheint. Und auch die Trauer wird ein wenig leichter werden auf der Insel, wo der Wind nicht nur den Sand bewegt, sondern auch die Menschen, die sich darauf einlassen. In dieser Weite kann man allem ohne Furcht begegnen, sogar der Trauer, und durch sie hindurch zum Horizont laufen, sich nasse Füße und nasse Augen holen und dann das Licht auf dem Wasser finden und das Wissen, dass nichts verlorengeht, Nicht, wo so viel Raum für alles ist. Hier muss man nie sein, was man nicht ist. In all der Weite stößt man sich an nichts, nicht einmal an sich selbst.

Und begegnet einem doch einmal jemand, tauscht man ein Lächeln in stummem Einverständnis, denn wer immer es auch ist, auch er trägt neben den Spuren seines Lebens schwarzen Schlick von den Füßen bis zu den Knien, Knoten im Haar und Sand in den Ohren und jeder weiß vom anderen, dass auch ihn gerade dieser Ort glücklich macht.

Quermarkenfeuer auf Amrum in der Abenddämmerung, © Oliver Franke© Oliver FrankeUrlaub auf Amrum

Insel Amrum

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Ein Friesenhaus auf Amrum mit schönen Tulpen im Vordergrund, © Kai Quedens© Kai QuedensUnterkunftssuche

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Frau am Strand auf Amrum, © Kai Quedens© Kai QuedensStrände auf Amrum

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Infos und weitere Artikel des Autors

Die Erfolgsautorin von "Wenn die Wellen leuchten" und "Wo die Dünen schimmern", © S.Fischer VerlagePatriciaKoelle

Patricia Koelle ist eine bekannte Erfolgsautorin. Unter anderem schrieb sie die Bücher "Wenn die Wellen leuchten" und "Wo die Dünen schimmern". Besonders ihre Lieblingsinsel Amrum inspiriert sie immer wieder beim Schreiben ihrer Romane.

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