Blick auf den Burggraben der Wogemannsburg in Westerhever, © Gary Asmussen | NTS 2020© Gary Asmussen | NTS 2020

Die Legende der Wogemänner

An der Küste der Nordsee herrscht am 16. Januar des Jahres 1362 tiefster Winter. Auch an diesem Sonntag kommt die Dunkelheit früh und die Katastrophe hat sich längst angebahnt. Ein Orkan drückt das Wasser an die Kante und lässt die Flut nicht mehr ablaufen. Die Balken der Häuser ächzen unter dem Druck des Windes und die Deiche unter dem des Wassers. Es ist unheimlich, die Tiere längst unruhig. Sonne und Mond stehen ungünstig, dazu der tagelange Wind, der Orkan, aus West mit dem Wasser. Ob die Menschen ahnen, was ihnen bevorsteht? Am kommenden Vormittag, der Tag sieht schon morgens aus, als ob er längst zu Ende wäre, läuft bereits das Wasser über die Deiche und das Hochwasser kommt erst noch. Immer mehr Wasser läuft über die Deiche, nach und nach sacken sie zusammen; die Flut – sie kennt kein Halten mehr.

 

Rixwarft bei Langeness bei Land Unter, © Detlef BrummGalerie öffnen© Detlef Brumm
Die Nordsee bei Sturm, © Alexander SeidlichGalerie öffnen© Alexander Seidlich

Bald branden die Wellen an die Häuserwände und fressen an der Warft. Wasser im Land und das bis zum Horizont. Weder flaut der Orkan ab, noch läuft das Wasser ab und die nächste Flut ist mit Jähzorn längst auf dem Weg. Das meiste Vieh wird längst ertrunken sein, und wer sich auf sein Hausdach gerettet hat, geht mit diesem unter. Wohnstatt um Wohnstatt bricht zusammen, verschwindet in tobender Flut. In einem Land, dass das ihre war, abgerungen vom Meer, und das sie doch so gut versorgt hat. Das doch Wohlstand gebracht hat; den Bauern, den Händlern und Handwerkern, den Herren gutes Geld. Als die kommenden Tage heranbrechen, das Wasser ist noch lange nicht abgelaufen und wird vermutlich wegen des Salzes den Boden auf Jahrzehnte unbrauchbar gemacht haben, ist die Welt eine andere.

Diese Erste Große Mandränke, die mörderische Jahrtausendflut, hat die Küstenlinie neugeschrieben. Inseln wurden zerrissen, andere gingen gänzlich unter, ganze Landstriche sind zerstört. Komplette Kirchspiele (Verwaltungsgemeinden) von der Landkarte und aus den Steuerbüchern getilgt, Familien, Siedlungen, Gemeinschaften ausgelöscht. Diese Katastrophe hat viele Tausend Menschen das Leben gekostet. Eine Lebensgrundlage gibt es für die Viehzüchter und Bauern erst einmal so gut wie keine mehr. Wer überleben wollte, musste sich was holen. Und sei es mit Gewalt.

Bild Nordsee Sandwatt, © Günter PumpGalerie öffnen© Günter Pump
Bild Nordsee Salzwiesen mit Priel, © Cheryl VorpahlGalerie öffnen© Cheryl Vorpahl

Nach der Pest von 1350 und der verheerenden Flut von 1362 musste sich eine angebliche „Ritter“-Familie vom heutigen Nordstrand, nach Ihrer Vertreibung der nördlich von Eiderstedt gelegenen damaligen Inselwelt, eine neue Bleibe suchen – diese Leute sollen den Namen Waage oder Woge getragen haben. Sie setzten sich mit Gewalt auf Eiderstedt fest; es heißt im heutigen Westerhever und dort bauten sie sich ihre Burganlage. Diese Sippe war eine Bedrohung für die Seefahrer und die Bevölkerung, da sie raubend und mordend über Land und Meer zogen.

Nun verbreiten Raubzüge Angst und Schrecken. Heimatlose Bauern und Fischer ohne Zukunft und ohne Mittel tun sich zusammen. Die Banden überfallen Gehöfte und wer zur See fahren konnte, der enterte wohl manches Schiff. Und sie begingen weitere Verbrechen, raubten Mädchen und Frauen. Acht Jahre nach der Flut litten die rechtschaffenen Menschen noch immer und nun wohl am schlimmsten unter den mörderischen Banden, die man Wogemänner nannte. Im Jahre 1370 war das Maß voll. Im Auftrag des Herzogs und unter der Führung des Stallers (dem Amtmann) Ove Hering, bildete sich eine Bürgerwehr und ging zum Angriff über.

Kirche St. Sephanuns in Westerhever gegenüber der Wogemannsburg, © Gary Asmussen | NTS 2020Galerie öffnen© Gary Asmussen | NTS 2020
Stein an der Zufahrt zur ehemaligen Wogemannsburg, © Gary Asmussen | NTS 2020Galerie öffnen© Gary Asmussen | NTS 2020

Die Wogemänner hatten ihre Burg dort, wo heute die Kirche und das ehemalige Pfarrhaus von Westerhever stehen, ganz im Nordwesten der heutigen Halbinsel Eiderstedt. Herings und seine Männer zogen los als kleine Streitmacht und schließlich stürmten sie die Burg. Geholfen sollen ihnen dabei die geraubten Jungfrauen haben, verschleppt und gefangen gehalten in der Burg der Bösen – sie öffneten ihren Befreiern das Tor und ließen die Zugbrücke runter. Für die Wogemänner gab es einen kurzen Prozess: 60 von ihnen führte man an die Prielkante und schlug ihnen mit dem Schwert den Kopf ab, warf die Leichen in das ablaufende Wasser eines mächtigen Gezeitenlaufs, der heute Heverstrom heißt. Und die Jungfrauen? Sie wurden vom Thing, der Zusammenkunft leitender und maßgeblicher Leute, rehabilitiert und bekamen ihre Ehre offiziell zurück.

Blick auf den Burggraben der Wogemannsburg in Westerhever, © Gary Asmussen | NTS 2020Galerie öffnen© Gary Asmussen | NTS 2020
Nahansicht der Kirche St. Stephanus Westerhever, © Gary Asmussen | NTS 2020Galerie öffnen© Gary Asmussen | NTS 2020

Natürlich haben die tapferen Eiderstedter Bauern die Burg der Wogemänner geschliffen und zerstört, sie Stück für Stück und Stein für Stein abgetragen. Baumaterial konnte man schließlich immer gebrauchen. Und sie bauten eine neue Kirche St. Stephanus zu Westerhever, eine Wehrkirche, wo sie Schutz fanden vor Flut und Verbrechern. Dort, wo die Burg gestanden haben soll, wurde drei Jahrhunderte später ein Haubarg errichtet, ein Bauernhof, und schließlich stand das Pfarrhaus drauf, heute ist es privat. Natürlich erinnert an diese Geschichte nicht mehr als die Legende und von der Burg der Bösen gibt bis auf einen Wasserlauf rein gar nichts zu sehen. Die Legende aber, die erzählen sich die Leute auf Eiderstedt von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation. Vielleicht ist ja doch was dran an der Legende der Wogemänner, vielleicht sogar an ihrem Goldschatz. Denn auch der ist bis heute nicht gefunden.