Krasse Kreaturen an der Nordsee

Wer kennt schon die Gabelzunge, wer die Tote-Mann-Hand? Und sind Nixentäschchen etwa modische Accessoires fescher Frauen vom Meer? Die kann man auf Föhr zum Beispiel nach einem Sturm schon mal am Strand finden. Wie so vieles anderes, das das Watt und das Meer vor der Nordseeinsel preisgeben. Einiges davon findet den Weg in die Aquarien der Schutzstation Wattenmeer, wo es ausgiebig begutachtet werden kann.

© Föhr Tourismus GmbH / Folker Winkelmann

In der Nordsee lebt Sonderbares und Seltsames – Schlickanemone, Seestern und Seeskorpion zum Beispiel. „Gefunden beziehungsweise gefangen wurden diese Drei bei unseren Seetierfangfahrten östlich der Insel Föhr“, berichtet Bente Timm, Leiterin der Schutzstation Wattenmeer auf Föhr, „wenn wir allein oder auf Exkursionen mit Gästen im Watt unterwegs sind, dann achten wir natürlich auch auf krasse Kreaturen – manchmal nehmen wir auch welche für unsere Aquarien in der Föhrer Station mit. Damit möchten wir auch Besuchern, die nicht mit hinaus gehen können, oder falls wir mal nichts sehen, die Möglichkeit geben, einen Einblick in die vielfältige und bisweilen auch recht sonderbare Lebenswelt des Wattenmeeres zu bekommen.“

Wer eines der alltäglichen Dramen um Fressen und Gefressenwerden im Wattenmeer beobachten möchte, der braucht ebenso viel Geduld wie der Seestern. Sehen kann man das Drama manchmal zum Beispiel in den Aquarien bei der Schutzstation Wattenmeer auf Föhr. Der Seestern ist der Räuber, Miesmuscheln sind seine Opfer. Langsam, unaufhaltsam und in seltsamem Tanz seiner fünf Finger löst sich der Seestern von der Scheibe und er – ja: er gleitet fast – nähert sich der üppigen Muschelbank auf dem Sand des Aquarienbodens. Ganz langsam, aber garantiert tödlich. Er hat Saugnäpfe an den Beinen, damit hält er sich nicht nur an der Scheibe fest, sondern auch seine Beute. Er hat kleine Tentakel daran zum Fühlen, zum Arbeiten.

© privat

Und schaut man ganz genau hin, so erkennt man mitten im Tier – auf seiner Unterseite – dort, wo die fünf Arme zusammenkommen, einen kleinen, roten Mund. Wie das eine Ende eines Schlauches, am anderen Ende des Schlunds sitzt der Magen. Das Drama beginnt, und es ist ein Kampf zwischen Geduld und Kraft: Der Seestern will das Fleisch der Miesmuscheln fressen. Dazu muss er die Schalen aufknacken, und weil die Muschel stark ist, dauert das sehr lange. „Letztlich gewinnt der Seestern diesen Kampf um Leben und Tod“, berichtet Bente Timm. Hat er die Muschel geknackt, beginnt das Fressen. „Der Seestern schiebt seinen Stülpmagen in die Muscheln – und schlürft sie aus. Übrigens: Seesterne können ihre Arme nachwachsen lassen.“ Aus einem Seestern mit abgetrenntem Arm wird wieder ein ganzes Tier.

Etwas weiter hinten im Becken liegen Steine auf dem Boden. Hier sind Lebenswelten des dauerhaft überfluteten Wattenmeeres naturgetreu nachgebaut und abgebildet. Mit rund 10.000 Arten, die im UNESCO-Weltnaturerbe leben, ist es einer der produktivsten und vielfältigsten Lebensräume der Erde. Vieles lebt im Verborgenen. Um zu sehen und zu erkennen, muss man mal genau hinsehen und den Fachleuten zuhören, sich diese Lebenswelten zeigen lassen – hier drinnen vor den Aquarien und auch draußen im Watt oder am Strand. Für Gruppen gibt es im Nationalpark-Haus in der Strandstraße 60 in Wyk auf Föhr nach Voranmeldung zum Beispiel auch Mikroskopier-Runden im Wattlabor, für Einzelpersonen ist das im kommenden Jahr, 2024, geplant.

© Föhr Tourismus GmbH / Ann-Kathrin Meyerhof

Auf den Steinen in den Aquarien sitzen auch – ja, die heißen wirklich so – Blumentiere: im Wattenmeer lebende Seedahlien, Seenelken, Schlickanemonen, Erdbeeranemonen. Grüne Tentakel wedeln wie im sachten Strom des Wassers, doch es sind die Bewegungen der Schlickanemone. „Sie wartet auf die Beute und sobald Futter gegen die Tentakel schwimmt oder treibt, schnappt sich die Anemone ihre Beute und zieht je nach Größe ein paar oder sogar alle Tentakel ein, um die Beute in Ruhe zu verdauen“, erklärt Bente Timm. Es sieht aus wie Würmer, die sich winden. Dennoch ist es seltsam faszinierend, diese Tiere zu beobachten. Grün, blau, rot, orange – es ist eine Farbenpracht, die man eher an den Korallenriffen im tropischen Meer vermutet als im grauen Watt. Dazu diese anmutigen und gleitenden Bewegungen ihrer Tentakel wie ein Tanz. Lockend, leicht und liebreizend. Doch tödlich für kleine Fische oder Schalentiere, die mit Farbe und Fangarm in diese Falle gelockt werden.

Diese Lebewesen wird man, obwohl es sie durchaus häufiger gibt, bei einer Wattwanderung nur dann entdecken, wenn man sehr genau hinsieht oder in fachkundiger Begleitung unterwegs ist. Denn wenn das Wasser weg ist, machen die Blumentiere zu, um nicht auszutrocknen – und dann sehen sie unscheinbar aus, graue Knubbel im Wattboden, manchmal versuchen sie noch, sich einzugraben. So ergeht es auch der Schlickanemone, die zu Beobachtungszwecken vom Aquarium ins Wattlabor überstellt wird. Sie sitzt kaum daumengroß in einem Becher mit Wasser auf einer Miesmuschel und hat erstmal zugemacht. Als das Blumentier zur Ruhe kommt, unter starkem Licht, unter starker Vergrößerung (denn besonders groß sind sie nicht), beginnt sie, sich langsam zu entfalten.

Die Schlundöffnung wird größer und die Tentakelspitzen beginnen sich zu bewegen, fließend und rhythmisch. Immer schneller wedeln die Tentakel jetzt, die Schlundöffnung ist nun weit geöffnet und strahlt in einem schönen Blau. Anmutig, lockend, verhängnisvoll; das Blumentier ist jetzt voll erblüht. „Wir haben Seedahlien und Schlickanemonen, bei den öffentlichen Führungen können Gäste beim Füttern zuschauen“, berichtet Bente Timm. Und welche krassen Kreaturen gibt es noch in den Aquarien bei der Schutzstation Wattenmeer in Wyk auf Föhr? „Das wechselt sehr schnell, weil wir die Tiere ja immer wieder aussetzen. Also, da können sich unsere Gäste überraschen lassen …!“

Zum Beispiel von Nixentäschchen, die übrigens Ei-Kapseln vom Rochen sind, meist dunkel oder schwarz, geformt wie ein Raviolo mit manchmal langgezogenen Zipfeln. Oh doch! Es gibt Rochen in der Nordsee. Aber ob die Nixentäschchen nun vom Kuckucksrochen sind (ziemlich selten) oder vom Sternrochen (häufiger) … nun, dazu muss man mal ganz genau hinsehen. Vielleicht mit Hilfe des BeachExplorers, einer App für das Smartphone, ein wenig nachforschen. Und wer diese und weitere krasse Kreaturen aus nächster Nähe sehen und einen Blick ins Kuriositätenkabinett der Nordsee werfen möchte, der ist bei den Aquarien der Schutzstation Wattenmeer bestens aufgehoben.

© Lynn Scotti

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