Bild Seepferdchen eins, © Rainer Borcherding | Schutzstation Wattenmeer© Rainer Borcherding | Schutzstation Wattenmeer

Seepferdchen erobern die Nordsee zurück

Wissenswertes zu den kleinen Meeresbewohnern.

Angespülte Seepferdchen findet man zurzeit öfter im Spülsaum, wir habe einmal den Biologen Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer zu diesem Phänomen befragt.

NTS: Lieber Rainer, viele Besucher lieben es, am Nordseestrand den Flutsaum zu durchstöbern. Das Meer spült viele interessante Funden wie Muscheln, Krebse, Strandholz und Bernstein an. Bei welchen Sichtungen würdest Du sagen, hat man einen wahren Lottotreffer im Wattenmeer erzielt?

Rainer Borcherding: Absolute Highlights wären eine Eikapsel vom Glattrochen oder ein Seepferdchen. Der Glattrochen war bis vor 100 Jahren ein häufiger Wattenmeerfisch, der heute leider nur noch bei den Orkney-Islands vorkommt. Seine Eikapseln sind so groß wie Postkarten und ich würde sehr gerne noch mal eine finden, die die Strömung von Norden herbringt.

Bild Portraet Rainer Borcherding, © Rainer Borcherding | PrivatGalerie öffnen© Rainer Borcherding | Privat
Bild Eikapsel Glattrochen, © R Borcherding - Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer
Bild Seepferdchen eins, © Rainer Borcherding | Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© Rainer Borcherding | Schutzstation Wattenmeer

NTS: Die Seepferdchen sind ja eigentlich aus dem Wattenmeer seit Mitte der 1930er Jahre fast verschwunden. Wie kommt es, dass man vielleicht doch heutzutage einmal eines erblicken könnte?

Rainer Borcherding: Bei den Seepferdchen sehen wir den schönen Trend, dass sie langsam häufiger werden und das Wattenmeer vielleicht wieder besiedeln. Sie sind damals verschwunden, als ihr Lebensraum, die Seegraswiesen, durch eine Pilzinfektion zerstört wurde. Das Seegras hat sich noch nicht wieder erholt, aber die Erwärmung der Nordsee macht ihnen wohl das Leben bei uns leichter, auch ohne Seegras.

NTS: Wo leben denn die Seepferdchen und wo hat man die größten Chancen tatsächlich welche zu entdecken?

Rainer Borcherding: Oh, schwierig! Wir wissen nicht, woher die Einzelexemplare kommen, die in den letzten Jahren gefunden wurden. Ich würde sie in Algenwäldern von Helgoland vermuten, vielleicht auch im Tang von Steinmolen und Hafenbecken. Im Westen der Niederlande gibt es ein Kraftwerk, wo warmes Kühlwasser in die Nordsee läuft, da kann man sie ganzjährig aus den Algen Keschern. Aber bei uns ist es einfach Zufall, wenn eins irgendwo angespült wird. Augen auf und viel am Strand laufen hilft.

Bild Seegras im Spülsaum, © Rainer Borcherding | Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© Rainer Borcherding | Schutzstation Wattenmeer
Bild Seepferdchen auf der Lauer, © Rainer Borcherding | Schutzstation WattenmeerGalerie öffnen© Rainer Borcherding | Schutzstation Wattenmeer

NTS: Wovon ernähren sich denn die Seepferdchen?

Rainer Borcherding: Sie sind geduldige Lauerjäger: Mit ihrem Rollschwanz verankern sie sich an einer Alge und warten einfach. Kommt ein Flohkrebschen vorbei geschwommen, schlürfen sie es blitzschnell ein. Diese Bewegung ist so plötzlich, dass die unter Wasser sogar als Klicken hörbar sein kann.

NTS: Welchen Tipp hast Du für alle Besucher, die etwas für sie Unbekanntes im Watt oder am Strand entdecken und sich informieren wollen?

Rainer Borcherding: Für interessierte Strandläufer gibt es die kostenlose App und Website BeachExplorer.de, wo über 2000 verschiedene Arten von Strandfunden vorgestellt werden. Man kann sich durch den Bildbestimmungsschlüssel klicken und vom Austernfischerschnabelabdruck bis zur Zwiebelmuschel alle möglichen und unmöglichen Funde identifiezieren. Wer möchte, kann seine Funde auch für die Wissenschaft melden. Der BeachExplorer ist vom Bundesumweltministerium gefördert worden und soll das Kennenlernen der Meeresnatur unterstützen. Dort sind auch schon ein paar Seepferdchenfunde gemeldet!

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