Strandlesung Krischan Koch, © Privat © Privat

Wo ich die besten Zutaten für meine Krimis finde

Den ersten Sommer meines Lebens als vier Monate altes Baby habe ich noch an der Ostsee verbracht im Kinderwagen unter dem Walnussbaum einer Frühstückspension in Hohwacht. Danach ging es für viele Jahre an die Nordsee. Föhr, Sylt und Amrum im Wechsel. Als kleiner Junge habe ich in etlichen Sommerferien mit Eimer und Schaufel bewaffnet den halben Wyker Südstrand umgegraben. Zehn Jahre später haben wir Jungs auf Klassenreise in Puant Klent auf Sylt das erste Mal mit Mädchen getanzt und auf dem schönsten Fußballplatz der Welt mit Meerblick gebufft. In der Jugend und auch danach verging kein Jahr ohne die Nordsee. Seit zwanzig Jahren pendeln meine Frau und ich zwischen Hamburg und Amrum, wo wir einen zweiten Wohnsitz haben und einen Teil des Jahres leben und wo ich meine nordfriesischen Krimis schreibe. Ein großes Glück. Von meinem kleinen Schreibtisch aus kann ich über das Watt nach Föhr sehen und mit ein bisschen Fantasie an Föhr vorbei bis aufs Festland nach Fredenbüll, wo meine Krimireihe mit Thies Detlefsen und Nicole Stappenbek spielt.  

Amrum Düne, © Privat Galerie öffnen© Privat

An der Nordsee ist kein Tag wie der andere. Wilde Brandung und gleich danach sommerlich beschauliches Badewetter. Immer wieder neues spektakuläres Licht, schraffierte Rippelmarken im Sonnenuntergang, dramatische Wolkenbilder und grelle FarbstimmungenNolde-Bilder. Und weil ich schon immer gern eines von Emil Noldes >ungemalten Bildern< besessen hätte, lasse ich meinem Helden, den Kunstdieb Harry Oldenburg in meinem ersten Krimi >Flucht übers Watt< ins Nolde-Museum in Seebüll einsteigen und mehrere Bilder klauen. Auf solche Ideen kann man kommen, wenn man den Amrumer Kniepsand entlangläuft. Er ist einer der schönsten Strände der Welt. Aber das muss jetzt bitte wirklich unter uns bleiben. Denn wenn der weite Kniepsand im November oder im Februar menschenleer ist, wenn nur ein paar Meerstrandläufer vor den Gummistiefeln durch den Sand pesen oder mal eine Kegelrobbe im Weg liegt, wenn der Nordwest noch ein bisschen salziger schmeckt und der Himmel noch weiter ist, dann sind die langen Strandspaziergänge besonders schön.

Meine Amrumer Sommertage starte ich dann am liebsten mit einer Fahrt auf dem Rad am Watt entlang zum Krabbenkutter. Dann gibt es zum Frühstück frisch gepulte Krabben und vielleicht ergattere ich ein paar Schollen und mit Glück auch einen Steinbutt, den der Fischer ab und zu als Beifang im Netz hat. Um nicht leer auszugehen, muss man rechtzeitig zur Stelle sein. Früher hat mir regelmäßig ein Mann mit Fahrradhelm sämtlichen Fisch vor der Nase weggeschnappt. Dieser Spielverderber kommt als Figur in meinem ersten Krimi vor, und er überlebt es nicht. Seltsamerweise habe ich den Mann danach auch in der Realität nie wieder getroffen. Schon seltsam, an der Nordsee verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit manchmal. Und so tauchen in meinem kleinen Fredenbüller Kosmos auf einmal Figuren aus dem großen Kino auf, ein New Yorker Mafiapate oder ein >Weißer Heilbutt<, dann wird Fredenbüll plötzlich zum Wilden Westen und eine sturmumtoste Hallig zum >Friedhof der Krustentiere<. Und wenn der Bredstedter Französischkurs von Monsieur Picon nach Paris reisen möchte, dann bleibt der >Nord-Ostsee-Express< vor Husum in einer Schneewehe stecken, und die Lateinlehrerin Agathe Christiansen sitzt tot auf der Zugtoilette.

Watt Krischan Koch, © Privat Galerie öffnen© Privat

Seeluft regt die Phantasie an. Den Tag verbringen meine Frau und ich am Strand und überlegen, wie es dann abends mit der Fredenbüller Geschichte weitergehen soll. Aber vorher gibt es noch den Steinbutt und manchmal eine Lesetour auf dem Fahrrad zu den Schauplätzen meiner Amrum-Krimis oder eine Strandlesung in den Sonnenuntergang hinein.   

Auch wenn mancher das nicht gedacht hat, wir Nordlichter sind gesellige weltoffene Menschen und die Nordfriesen ganz besonders. Schließlich sind sie lange Zeit auf Walfang gegangen und seit Generationen zur See gefahren. Und auch meine Fredenbüller sind aufgeschlossene Leute. Im Stehimbiss >De Hidde Kist< gibt es >Croque Störtebeker< und >Putenschaschlik Hawaii<. Zugereiste dänische Kommissare, italienische Gangster oder jetzt ein belgischer Französischlehrer werden mit offenen Armen aufgenommen. Und wenn Sie uns an der Nordsee besuchen möchten, sind Sie natürlich auch herzlich willkommen. Aber bitte buchen Sie kein Zimmer in Fredenbüll. Immer wieder haben sich Leserinnen und Leser auf die Suche nach dem nordfriesischen Örtchen gemacht und mussten unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Besuchen Sie Fredenbüll lieber gemütlich im Strandkorb sitzend mit einem Buch in der Hand.


Zur Veröffentlichung des neuen Krimis >Mord im Nord-Ostsee-Express< von Krischan Koch am 16. März 2022 verlosen wir zusammen mit dem dtv Verlag drei vom Autor persönlich signierte Exemplare des Buches.

Das Gewinnspiel ist beendet!

Strandhafer und Strandkorb am Strand von Amrum. Im Urlaub die beeindruckende Natur auf der Nordseeinsel genießen., © Kai Quedens / www.nordseetourismus.de© Kai Quedens / www.nordseetourismus.deAmrum

Weich, weiß und weit liegt er da wie ein fein gewirktes Seidentuch. Spektakulär und atemberaubend ist der Anblick, wenn man auf der Nordseeinsel Amrum am Norddorfer Übergang auf den Strand schaut. 15 Kilometer lang, fast zwei Kilometer breit und damit einer der größten und schönsten Strände Europas. Und das auf so einer kleinen Nordseeinsel.

Im Strandkorb von St. Peter-Ording entspannen und ein schönes Buch lesen. Entspannung genießen im Nordseeurlaub., © Oliver Franke© Oliver FrankeTipps: Nordsee-Lesestoff

Nordsee - Lesestoff

Es ist mal wieder an der Zeit ein gutes Buch zu lesen.

Infos und weitere Artikel des Autors

Krischan Koch, © Privat
KrischanKoch

Krischan Koch macht Kabarett und Kurzfilme und schreibt neben Kriminalromanen auch seit vielen Jahren Filmkritiken u.a. für die ›DIE ZEIT‹ und den ›Norddeutschen Rundfunk‹. Auf unserem Blog nimmt er uns mit in seine Welt des kreativen Schaffens.

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